Doron Rabinovici, Solmaz Khorsand, Sama Maani

Ö1 Kulturjournal: Lost in translation! Wie viel Identitätspolitik verträgt die Literatur?

Live-Sendung

Donnerstag, 11. November
17.00 — 17.25 Uhr
ORF-Bühne
Messeeintritt

Das Ö1-Kulturjournal live von der BUCH WIEN

Es war ein Auftritt, der sie zur Hoffnungsträgerin der Black Community werden ließ, zur Verkörperung eines nationalen Heilungsprozesses nach einer Ära der Spaltung. Tagelang beherrschten Bilder von Amanda Gormans Auftritt bei Joe Bidens Inauguration die Sozialen Netzwerke. Die Autorin selbst wurde über Nacht zum Star. Nicht weniger wirkmächtig erwies sich jene Debatte, die hernach im Literaturbetrieb die Wogen hochgehen ließ. Denn die Frage, wer das Gedicht der schwarzen Spoken-Word-Poetin übersetzen darf, führte international zu hitzigen Auseinandersetzungen. Kann eine weiße Übersetzerin die Rassismus- und Ausgrenzungserfahrungen, von denen Gorman spricht, nachempfinden? In den Niederlanden trat die weiße, non-binäre Übersetzerin Marieke Lucas Rijneveld zurück, für die deutsche Übersetzung entschied sich der Verlag Hoffmann und Campe für ein Autorinnenkollektiv. Der Übersetzerstreit rund um Amanda Gormans Gedicht „The Hill We Climb“ rückte einmal mehr die Frage ins Zentrum, inwiefern literarische Texte identitätspolitischen Ansprüchen genügen müssen.
Immer häufiger tauchen Begriffe wie Trigger Warning und Cancel Culture in der Diskussion auf. Müssen diskriminierende oder verletzende Texte den Erwartungen der gegenwärtigen Gesellschaft angepasst werden? Soll und darf man in den Kanon eingreifen? Die niederländische Übersetzerin von Dantes „Göttlicher Komödie“ entschied sich dafür, eine Passage aus dem „Inferno“ zu tilgen, in der der Prophet Mohammed herabgewürdigt wird, um nicht „unnötig zu verletzen“. Kritikerinnen sprechen von Zensur und Geschichtsklitterung, Verfechter identitätspolitischer Ansprüche von notwendigen Anpassungen.

Mit Doron Rabinovici, Solmaz Khorsand und Sama Maani
Moderation: Christine Scheucher

11.11.2021: ORF Bühne ab 17.09h

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