Thurnher-Eröffnungsrede zum Nachlesen

News | 19. November 2019

Hier finden Sie die Eröffnungsrede der BUCH WIEN 19, gehalten von Armin Thurnher am 6. November, zum Nachlesen. 

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
meine sehr geehrte Damen und Herren,

die Klimakrise steht im Zentrum gesellschaftlicher Debatten.

Eine andere Krise solle uns genauso beschäftigen. Sie bildet den Rahmen nicht nur für die Klimadebatte, sondern für alle uns betreffenden Entwicklungen. Ich meine die Krise der Kommunikation, die Krise des öffentlichen Gesprächs, der öffentlichen Rede. Versagt sie, kommen wir mit den entscheidenden Themen nicht mehr zurecht. Zumindest nicht auf demokratische Weise.

Es ist schön, dass ich Gelegenheit habe, in einer öffentlichen Rede etwas dazu zu sagen, und ich danke den Veranstaltern für die Einladung.

I.

Meine Damen und Herren, es hat sich etwas geändert. Wir reden öffentlich anders miteinander. Die Macht autoritärer Regierungssysteme nimmt zu. China und Russland üben offen Zensur und kontrollieren das Internet.

Im Westen sind wichtige Entscheidungen auf digitale und zugleich unsichtbare Weise so beeinflusst worden, dass man sie zumindest demokratisch fragwürdig nennen muss. Die Wahl Donald Trumps hätte es ohne Desinformation und geschickte Verhaltenssteuerung genauso wenig gegeben wie den Brexit.

Zugleich zeichnen sich Änderungen in der Mentalität ab, Hass, Verhetzung, Manipulation und offene Drohungen greifen um sich. Potentiell mehr Teilnehmer am öffentlichen Gespräch denn je können immer weniger jenen Fakten vertrauen, die ihnen in immer größerer Zahl zur Verfügung stehen.

Wir alle meinen, uns in freier Rede äußern zu können, freier, als wir es je konnten. Das können wir auch. Zugleich verdrängen wir, dass wir dabei in einer noch nie dagewesenen Weise überwacht, instrumentalisiert und manipuliert werden.
Erklärungen für die zunehmende Gefährdung des öffentlichen miteinander Redens wären neben anderen gewiss diese: Alles beschleunigt sich, wird lauter, löst sich schneller auf, die Vermögen driften rasant auseinander, wir spüren, wie uns die Kontrolle über unsere Kommunikationsmittel entgleitet.

II.

Ich bekenne, seit einigen Tagen bin auch ich auf Twitter. Nicht genau ich, eher eine Version von mir in der dritten Person, die ich mir ausgedacht habe, um halbwegs dezent meinem durch langjährige Abstinenz gekränkten Narzissmus etwas Gutes zu tun. Ein hilfloser Versuch, den Kuchen gleichzeitig zu behalten und ihn zum Verzehr anzubieten. Er bescherte mir aber immerhin schon ein Erlebnis der besonderen Art.

Eine Kollegin hatte beobachtet, wie eine junge am Handy scrollende Frau mit ihrem Kleinkind umging oder besser, nicht umging. Die kurze, im Falter abgedruckte Glosse endet so: „,Pscht‘, macht die Mutter, als die Kleine zu quengeln beginnt, zieht langsam, ohne vom Handy aufzuschauen, eine Rassel aus ihrer Umhängetasche und streckt sie dem Kind entgegen. Das Mädchen versucht danach zu greifen, doch seine Arme sind nicht lang genug, um die Rassel zu fassen zu kriegen. Geschrei. Tränen. Die Mutter lässt, ohne aufzublicken, die Rassel los. Sie fällt scheppernd zu Boden. Da lässt die Frau das Handy sinken. ,Kannst du nicht aufpassen?‘“

Auf Twitter wurde diese Beschreibung, die sich jedes Kommentars oder gar Urteils enthält und nur die Beobachtung sprechen lässt, als Disqualifizierung der Mutter verstanden. Die Autorin wurde nicht nur verurteilt, sondern sogar der Verhetzung bezichtigt. „Neue Moral gegenüber Müttern. Belehrend. Von oben herab“, war noch das Mildeste, was zu lesen war.

Gegenstimmen bleiben in der Minderheit. Von den meisten, die den Kritikern zustimmten, wusste man nicht, ob sie den kritisierten Text überhaupt gelesen hatten oder nur der wohlmeinenden Kritik an ihm beipflichteten.

Gemessen an anderen öffentlichen Wertungsexzessen war das gewiss ein harmloser, unbedeutender Vorfall. Mir schien er charakteristisch. Die Linke – wenn man das so pauschal sagen darf – vermutet Urteile, wo nur Beschreibungen gegeben werden, sodass man das Gefühl hat, eine gewisse Art von Wohlmeinenden könne und wolle sich nicht mit der Realität abfinden.

Die Rechte hingegen, stets knallhart lippenbekennend auf Seiten der Realität, neigt zu Desinformation, Lüge und Hetze, bei gleichzeitiger Beschwörung der Wahrheit. Sie weiß immer schon, was für einer man ist, und wirft einem „Moralisieren“ vor, ehe man noch den Mund aufgemacht hat.

Die Linke wiederum neigt zu entgleisender Empörung, zu wütender Abweisung alles von der eigenen Gesinnung Abweichenden, bei gleichzeitiger Beschwörung der Differenz und des Besitzes der Wahrheit.

Beide gleichen sich in einem: Sie lesen weniger das, was sie lesen, als vielmehr das, was sie nicht lesen.

Und was das Ganze noch schwerer erträglich macht: Auf den viel geschmähten Mittelweg können wir uns nicht verlassen. Er scheint verschwunden.

III.

Lassen Sie mich noch ein zweites Beispiel anführen. Bei der Eröffnung einer Buchmesse kommt man daran wohl nicht vorbei. Die sogenannte Handke-Debatte.

Als sie ausbrach, wusste ich, was mich in der Redaktion unausweichlich erwartete: die Aufforderung, an ihr teilzunehmen. Zuerst versuchte ich, das mit einem lapidaren Satz über die Trennung von Werk und Biografie abzuwehren. Es reichte nicht. Schweigen oder der Verweis auf autoritative Stimmen, auf Kennerinnen des Werks von Handke wie Sigrid Löffler schienen ungenügend. Es wurde als Arroganz ausgelegt, als Verweigerung der Debatte.

Vorwurfsvoll sagte ein Kollege zu mir, er habe sich nun gründlich mit der Sache befasst und kenne sich aus. Er habe ein ganzes Wochenende lang im Internet die relevanten Artikel gelesen. Das will ich weder verdammen oder kleinreden. Eine vernünftige Recherche kann und muss oft in kurzer Zeit stattfinden, relevante Fachleute können befragt werden, und ein internes Korrektiv informierter Menschen mag das Urteil der Informierten noch einmal in Frage stellen. So funktioniert guter Journalismus.

Fest steht aber auch, dass man nicht alle Bücher Handkes an einem Wochenende lesen kann. Nicht einmal die relevanten. Die Redaktion akzeptierte dann zähneknirschend meinen Entschluss, vorerst nichts zu sagen und publizierte eine tadellose Debatte, pro und contra.

Ich dachte an den Fall Ezra Pound. Pound war, wie Sie wissen, einer der einflussreichsten Dichter des 20. Jahrhunderts. T. S. Eliot widmete ihm sein berühmtes Gedicht The Waste Land nicht nur, sondern vertraute es ihm zuvor zur Reaktion und Kürzung an.

Pound wurde zum Faschisten und unterstützte während des Zweiten Weltkriegs Benito Mussolini durch propagandistische Radiosendungen. US-Truppen nahmen ihn 1945 fest, stellten ihn in Pisa in einem Käfig aus und verfrachteten ihn dann nach Washington, wo er zuerst im Gefängnis saß, bis es seinem Anwalt gelang, ihn für verrückt erklären zu lassen, sodass er der Verurteilung wegen Hochverrats entging. Nach zwölf Jahren kam er frei und verbrachte den Rest seines Lebens in Europa, ohne sich je von seinen politischen Untaten, seinem Antisemitismus und Faschismus zu distanzieren. Heute dient Pound europäischen Rechtsextremen wieder als Galionsfigur.

Der amerikanische Verlag Random House beschloss 1945, bei der Wiederauflage einer Anthologie Gedichte von Ezra Pound daraus zu streichen. Der Random-House-Verleger Bennett Cerf begründete seine Entscheidung, Pound nicht mehr zu drucken, damit, dass noch zu viel vom faschistischen Ungeist in der Welt sei. Außerdem sei der Autor ein Hochverräter. Pound, so schrieb er, habe durch seine Taten sowohl das Recht verwirkt, Amerikaner wie auch Dichter genannt zu werden.

Die öffentliche Kritik in den USA richtete sich sofort gegen die Maßnahme Cerfs. Pounds Kollege W.H. Auden schätzte dessen Gedichte nicht. Aber er schrieb einen privaten Brief an Cerf, der auch sein Verleger war, und kündigte an, seine Werke aus dem Verlag zurückzuziehen, wenn Pound dort nicht publiziert würde. Auden schrieb: „Fangen Sie damit an, dass Sie seine Gedichte nicht verbieten, weil Sie diese ablehnen, sondern weil Sie Einwände gegen ihn haben, werden Sie damit enden, dass Sie seine Frau und Kinder schlachten, wie das die Nazis machten.“ Random House änderte schließlich seine Entscheidung. Cerf widerrief seinen Standpunkt öffentlich.

So etwas wie Publikationsverbot stand im Fall Peter Handke nicht zur Debatte, es ging auch nicht um Landesverrat. Der Vorwurf lautete bloß auf Zivilisationsverrat, Gutheißung von Völkermord, Rechtfertigung mörderischer Tyrannen, Verhöhnung der Opfer. Oder, wie es ein programmatisch preisgekrönter, konkurrierender Literat ausdrückte, es ging um „das, was Handke nicht geschrieben hat“.

Das erinnert mich an das kleine Beispiel der smartphoneverliebten Mutter. Man erregt sich über eine Szene, die man nicht gesehen hat, anhand von etwas, was man nicht gelesen hat.

Damit soll nicht gesagt sein, dass eine moralisch verwerfliche Existenz die Voraussetzung bildet, ein guter Schriftsteller oder eine prächtige Autorin zu sein. Jürgen Kaube hat das in der FAZ lapidar klargestellt: Peter Handke hat seinen Beruf instrumentalisiert, um untragbare politische Äußerungen zu machen, aber seine unerträglichen politischen Aussagen ändern nichts an seinen bedeutenden literarischen Werken.

Bei Handke kommt noch etwas dazu. Ich musste überlegen, wie ich es ausdrücke, ohne vom wohlmeinenden Schwarm zerrissen zu werden.

Mir scheint, Handke steht exemplarisch dafür, wie einem in der Öffentlichkeit mitgespielt wird, wenn man nicht mitspielt. Und natürlich spielt er selbst mit diesem Nicht-Mitspielen. Handke ist als Autor durch und durch moralisch. Die Korruption des Blicks und der Worte ist sein Thema. Die Vermeidung dieser Korruption, die Reinheit, ja die Heiligkeit der Sprache scheinen mir bei ihm zentral zu sein.

Diese Begriffe verweisen auf den deutschen Idealismus eines Friedrich Hölderlin, und kaum hat man sie genannt, rufen sie andere Bedeutungen hervor: jene des Nationalsozialismus, der sie schändete und missbrauchte. Selbstverständlich kann Handke solche Reinheit nicht in Anspruch nehmen, wenn er die Sphäre der Dichtung verlässt.

Aber, fragte ich mich, kann es nicht sein, dass Handkes Erregung und vielleicht auch die seiner Kritiker aus einer ganz anderen Quelle kommt? Dass Handke einen Zustand verteidigt, den er als antijournalistisch, vorjournalistisch, außerjournalistisch versteht? Eine Art, die Welt möglichst unvoreingenommen anzuschauen und diese Anschauung möglichst unverfälscht auszudrücken?

Eine zutiefst romantische, reine, idealische Vorstellung. Der Journalismus ist in seiner schlimmsten, das heißt auch, in seiner am weitesten verbreiteten Form das Gegenteil davon. Er ist nicht Bericht, Information, Aufklärung und Kritik, sondern Phrase. (Deswegen versucht guter Journalismus immer, selbstkritisch seine Voraussetzungen zu reflektieren und seine Verfahrensweisen in Frage stellen).

Handkes dissidente Auffassung des Balkankriegs entwickelte sich wohl in der unheilvollen Mechanik öffentlicher Auseinandersetzungen mit seiner zu Recht kritisierten politischen Haltung. Auf die Rezeption des Abwurfs von Nato-Bomben als pazifistisch reagierte er mit der Verehrung faschistischer Mörder. Ich vermute, er meinte das weniger profaschistisch als vielmehr antijournalistisch.

Als Handke in Kärnten von ein paar Reportern bedrängt wurde, sah das aus wie eine Hetzjagd. Empört rief er, was ihm da entgegengehalten werde, seien ja nur Reaktionen auf Reaktionen. Die Welt reagiere nur auf sich, nicht auf sein Werk. Das sagt nicht, dass dieses Werk nichts von der Welt enthalte, sondern nur, dass die Reaktion das Werk selbst nicht berücksichtige.

Am Ende weidete sich die Welt am hilflosen Zorn des Autors. In einer Nachrichtensendung wurde er als lächerlicher, alter Grantler vorgeführt, als grantigster aller Studio-Gäste. Handke schrie verstört, er hasse den Journalismus. Der Moderator lächelte süffisant.

Ich schämte mich, Journalist zu sein. Dass Handke sich danach schüttelte und mit seinen Griffener Freunden einen vergnügten Abend verbrachte, zeigt andererseits, wie auch er seinen Beruf zum Rollenspiel benützt. Am Ende steht wechselseitiges Unverständnis.

Wir lesen, was nicht geschrieben wurde. Wir lesen nicht, was geschrieben wurde. Wir lesen, was wir nicht gelesen haben.

IV.

Die beiden Beispiele – eines kleiner, eines größer – zeigen, wie unser öffentliches Gespräch misslingt. Es gibt Fälle, wo öffentliche Intellektuelle vom Schwarm nach rechts getrieben werden, ohne dass sie das wollten. Nur mit dem Argument, das hätten sie sich selber zuzuschreiben. Ich selbst habe erlebt, wie ein unbedachtes Wort, eine überschießende Kritik, die man äußerte, kaum mehr zurückgezogen werden kann, sondern den Startschuss zu einer Identitätsumwandlung wider Willen bildet.

Die Summe dessen, was man bis dato gesagt und getan hat, zählt nicht mehr, der Schwarm will festnageln und Blut sehen. Dass manche ehemalige Linke es vorzogen, unter solchen Umständen sich neue rechte Freunde zu suchen – wen wundert’s? Sie sollten sich das Wort eines meiner bürgerlichen Freunde zu Herzen nehmen, als ich ihn warnte, mit wem er es zu tun habe. Er sagte, das wisse er wohl, aber ein kluger Linker sei ihm lieber als ein dummer Gesinnungsgenosse.

In Österreich mögen wir bekanntlich Streit nicht. Geschuldet einer lang wirkenden feudalen Tradition, spät und schwach entwickeltem Bürgergeist, der Vertreibung und Vernichtung der jüdischen Intelligenz und den Umständen des politischen Überlebens nach 1945, hat sich bei uns eine Streitvermeidungskultur etabliert, die eine besondere Art des Ressentiments hervorbrachte, als die Schranken der Nachkriegsgesellschaft fielen. An unseren Zeitungen, an unseren öffentlichen Medien, an unserer Politik kann man es ablesen.

Dass Message Control bei uns so erfolgreich ist, ja dass diese Art digital unterfütterter Streitvermeidung und Bevormundung freudig begrüßt wurde, hängt vielleicht auch damit zusammen, dass hier in moderner Form wieder die postfeudale Nachkriegsmentalität bedient wird. Nur kein Streit, genug gestritten – diese Slogans setzten ja nicht erst mit dem bisher letzten Kanzler ein, sondern schon mit dessen Vorvorgänger. Der letzte exekutierte sie nur mit kommunikationstechnisch avancierteren Mitteln und wirkte Wunder wie das fleckenlose Anpatzen, das blütenweiße Anschwärzen, den empathischen Untergriff und andere Kunststücke, mit denen sich junge, hoffnungsfrohe Familien reinen Herzens identifizieren können.

Nein, davon wollen wir heute Abend nicht noch mehr hören oder reden. Ja, wir müssen wieder streiten lernen. Leider stehen die Vorzeichen für dieses wichtigste aller gesellschaftlichen Lernprojekte nicht besonders gut.

Mit „Streiten lernen“ ist auch nicht gemeint, ein neues Ressort in der Zeitung einzuführen, das dem Streit gewidmet ist. Sollte nicht die Zeitung selbst, das Medium als Ganzes dem Streit Raum geben? Der Zustand der medialen Öffentlichkeit zeigt uns die Größe des Problems. Ihre Verfassung entscheidet darüber, wie Streit geführt werden kann, und wozu er führt: zu rationalen Entscheidungen, gar zu Versöhnung, oder zu unauflöslichen Verwerfungen. Oder am Ende zum Abschied von der Demokratie.

Nach fünfzig Jahren Internet, dieses Jubiläum begingen wir dieser Tage, ist die alte Definition von Öffentlichkeit fragwürdig geworden, und mit ihr die Realfiktion, dass informierte Menschen sich hier gleichsam in der erweiterten Arena der Medien vor globalem Publikum ihre Meinung bilden könnten, um dann rationale Entscheidungen zu treffen.

Diese Arena gibt es nicht mehr. Stattdessen gibt es eine zunehmende Fülle von Arenen. Es gibt die sogenannten Social Media. In denen wird gestritten, dass die Fetzen fliegen. Aber ist das eine Ausweitung der Agora mit digitalen Mitteln, wie Technooptimisten hofften? Wahr ist, dass dort jeder reden darf, der reden darf. Wahr ist aber auch, dass der rechtliche Rahmen dieses Redens kein öffentlicher, sondern ein privater ist.

Die Ökonomin Shoshana Zuboff hat das Wort für unseren Zustand geprägt: Überwachungskapitalismus. Soll heißen, unsere Kommunikation ist nicht das Produkt, sondern der Rohstoff, den die Kommunikationskonzerne ausbeuten; die neuen Kommunikationsverhältnisse laufen auf eine „kollektive Ordnung auf Basis totaler Gewissheit“ hinaus, „auf die Enteignung kritischer Menschenrechte, die am besten als Putsch von oben zu verstehen ist – als Sturz der Volkssouveränität“, sagt Zuboff.

Sie spricht von einem faustischen Pakt, den wir alle abschließen: Es ist uns unmöglich, uns dem Internet zu entziehen, obwohl wir wissen, dass es unser Leben für immer verändert. Denn: „Das Internet ist völlig vom Kommerz bestimmt, der wiederum dem Überwachungskapitalismus untergeordnet ist.“ Da wir diesem Zustand nicht entkommen, machen wir uns blind für ihn und fügen uns, sagt Zuboff.

Wer nicht in den sozialen Medien spricht, ist sozial tot.
Wer in den sozialen Medien spricht, lebt. Aber er lebt ein anderes Leben als seines.

V.

Meine Damen und Herren, ich möchte Sie nicht ungetröstet in diese Buchmesse entlassen.
Es gibt genug, was wir tun können, ja tun müssen.
Wir müssen als Individuen reagieren, und wir müssen politisch reagieren.

Unsere gewählten Volksvertreter sehen beim Sondieren keine Probleme, sondern nur „Herausforderungen“. Ein Pfötchenwort, um einen Ausdruck des Essayisten Karl Heinz Bohrer zu bemühen. Ich erwarte mir von der nächsten Regierung, dass sie doch erkennt, dass wir kommunikativ nicht nur herausgefordert sind, sondern ein kommunikatives Riesenproblem haben. Mindestens fünf Dinge sind zu tun.

• Erstens müssen wir uns politisch entscheiden zwischen Autoritarismus und demokratischem Kapitalismus. Demokratisch kann dieser nur sein, wenn nicht die Konzerne ihn, sondern wenn er die Konzerne zähmt. Die größten Konzerne der Welt sind die Kommunikationskonzerne. Sie agieren geradezu exemplarisch außerhalb des Rechtsstaats. Jede nationale Regierung muss es als ihr vorrangiges Problem ansehen, hier rechtsstaatliche Verhältnisse herzustellen. Im nationalen und im internationalen Rahmen.

• Zweitens müssen demokratisch legitimierte Parteien sich auch demokratisch legitimer Kommunikationsformen bedienen. Sie können ihre Kommunikation nicht auf teilweise außerrechtlich agierende Konzerne verlagern, ohne ihren eigenen Status zu gefährden. Wenn Facebook entscheidet, was publiziert wird und was nicht, und nicht der Rechtsstaat, haben wir ein Problem. Ich habe an Symposien teilgenommen, wo alle nickten, als das Treiben von Facebook angeprangert wurde. Als ich den naheliegenden Vorschlag machte, alle Parteien sollen sich gleichzeitig von dieser Plattform zurückziehen, erntete ich müde lächelndes Unverständnis.

• Drittens braucht es die Stärkung des öffentlich-rechtliches Prinzips. Das bedeutet nicht nur, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk außer Streit zu stellen, dessen Schwächung die vergangene Regierung geplant hatte, bis ihr Ibiza dazwischenkam. Es bedeutet die Eröffnung der Debatte darüber, ob Social Media, die als Rahmen des gesellschaftlichen Gesprächs nicht in private Hand gehören, als daseinsvorsorgende Infrastruktur nicht besser öffentlich rechtlich organisiert wären.

• Viertens bedarf es einer fairen, sinnvollen Medienförderung. Ein Mediengesetz muss marktausgleichend wirken. Es sollte weder Boulevard noch Privatfernsehen bevorzugen, sondern Qualität fördern. Was wir derzeit haben, sind gesetzlich legitimierte Schmiergeldzahlungen an den Boulevard. Wenn die Regierung sich Österreich medial erträumen könnte, sähe es aus wie Krone, Heute, oe24 und Servus TV.

• Fünftens braucht es eine nicht marktkonforme Schule. Die Schule produziere „am Markt vorbei“, sagte eine Ministerin der verflossenen Regierung. Ich meine dagegen, dass es die Aufgabe der Schule genau darin besteht, am Markt vorbei zu produzieren. Nicht „digitalisiert euch“ sollte die Parole lauten, sondern, „Lernt, euch zu behaupten!“ Man muss Kindern nicht mehr den Umgang mit dem Smartphone beibringen, aber man sollte sie darüber aufklären, was geschieht, wenn sie etwas auf Instagram posten oder auf Youtube betrachten.
Soweit meine fünf Punkte für die Politik, eine kleine Auswahl aus dem, was zu tun wäre. Man kann nicht alles an „die Politik“ delegieren. Was können wir als Bürgerinnen und Bürger tun? Auch hier hätte ich ein paar Anregungen.

• Wir sollten uns selbst in öffentlichen Auseinandersetzungen ein Mindestmaß an Empathie abverlangen; auch gegenüber Andersdenkenden. Respekt und Toleranz wären ebenfalls keine schlechten Ideen. Respekt vor intellektuellen Leistungen auch politischer Gegner; politisch näher Stehenden ist auf der Linken das Ressentiment gewohnheitsmäßig sicher – ein politisches Selbstverzwergungsprogramm.

• Wir könnten uns zu etwas verpflichten, das der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen „redaktionelles Bewusstsein“ nennt. Dass wir, ehe wir etwas äußern, überprüfen, ob es wahr, berechtigt und angemessen ist. Dass wir im digitalen Austausch eine Art Verzögerungsmechanismus einbauen, der unüberlegte Soforthandlungen unterbindet.

• Kann sich der Journalismus tatsächlich als Lösung anbieten? Der schlechte kann es nicht, er steht für die Phrase, für Korruption und Weltfälschung. Der gute, der redaktionelle Journalismus versucht, das zu korrigieren. Er hat Verfahrensweisen etabliert, die für demokratische Kommunikation unerlässlich sind; die disruptiven Social Media versuchen, genau diese Verfahrensweisen außer Kraft zu setzen. Sie wollen den starken, überzeugenden Einzelnen und nicht das kritische, sich selbst kontrollierende Kollektiv.

• Natürlich ist es an dieser Stelle nur billig, auf das Buch zu verweisen. Das Buch hat den Vorteil, seinen Aggregatzustand nicht zu ändern. Wenn wir es in Händen halten, können wir sicher sein, dass alle anderen, die das gleiche Buch lesen, dasselbe lesen. Weder werden wir dabei ausgespäht, überwacht, noch kommerziell ausgesaugt. Bücher machen uns kritikfähig, Bücher sind wunderbare Geräte. Sind sie auch ein Gegengift zum Handy, wie der Neo-Verleger Florian Illies sagt?

• Darum geht es am wenigsten. Das Schöne am Buch ist nicht das Format, das Schöne ist der Inhalt. An ihm scheitert jede Disruption. Ich gebe zu, als ich in Griechenland Urlaub machte, habe ich die Odyssee bei Kindle gelesen, auf dem Smartphone am Pool. Das Schicksal der treulosen Mägde, die Odysseus und Telemach am Ende ihrer rachsüchtigen, blutrünstigen Heimkehr umstandslos aufhängen, kontrastierte unter Zephyrwinden mit den Zypressen und den schimmernden Buchten der Nachbarinsel Ithaka besonders gut.
Um es am Ende kurz zu machen: Es kommt nicht auf die mediale Form an, nicht einmal auf den Inhalt. Bekanntlich gibt es verheerende Bücher. Es kommt auf das Prinzip an. Das Buch steht als ein Symbol für das genaue Schreiben, für das redaktionelle Prinzip des Lektorats, für die sorgfältige Gestaltung und die verantwortliche verlegerische Auswahl. Es steht für Autonomie, für das Prinzip des informierten Gesprächs, für das Ertragen des anderen, ohne sich wegzuducken und ohne ihn zu unterdrücken. Es steht gegen Desinformation und für alles, was uns wichtig ist und wichtig sein sollte.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

(c) Armin Thurnher

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