Erwin Uhrmann "Der lange Nachkrieg" (Limbus Verlag)"Der Kaffee war bitter, ein Espresso. Zucker hat man mir zu bringen vergessen. Der Kellner trug Mokassins und ein grünes Hemd. Mir wurde gleich übel vom Kaffee, von den Mittagsmahlzeiten, von der vom Vortag und von der kurz zuvor eingenommenen. Alles, was man durch die diesigen Frontglasscheiben erkannte, war leicht verwechselbar mit einer Landschaftstapete. Ich saß bis in den Abend im Café, bis man nichts mehr durch die Scheiben sah außer den Scheinwerfern der vorbeiziehenden Wagen und Busse. Von einer Kassette herunter klapperte Musik. Der Kellner musste sie von Hand wechseln, als die A-Seite abgelaufen war. Ein schwarzes Tonband mit aufgeklebten Papieretiketten und einer Beschriftung von Hand. Auf solche Bänder hat Mutter die stundenlangen Telefonate mit der Tante aufgenommen. Dann penibel mit Datum und Uhrzeit beschriftet in einen grauen Kassettenkoffer geschlichtet. Die alte Tantenstimme mit dem violetten Timbre und der langsamen Gangart. Und Mutter mit ihrer viel schrilleren Stimme. Die Tantenstimme passt in das Café vor der Stadt Triest, auf die Uferpromenade mit den hartgrünen Büschen und dem Kopfsteinpflaster." Erwin Uhrmann liest am Sonntag, 21.11.2010 um 12.00 Uhr im Literaturcafé der Messe Wien aus "Der lange Nachkrieg" >>> |